Hochsensibilität

Um es vorweg zu nehmen: ich bin mit dem Begriff der „Hochsensibilität“ nicht wirklich glücklich, denn es gibt kaum einen Begriff, der widersprüchlicher interpretiert wird. Was versteht man nun eigentlich unter „Hochsensibilität“? Darauf gibt es zwei mögliche Antwortperspektiven. Diese Antworten könnten unterschiedlicher nicht ausfallen. Mein Anliegen ist es, den gemeinsamen Kern offenzulegen und damit erklärbar und lebbar zu machen.

Außenperspektive: die „anderen“

Was kommt den Menschen um Sie herum zuerst in den Sinn, wenn sie das Wort „hochsensibel“ hören? Sicher sind auch Sie bereits Meinungen wie den folgenden begegnet: Hochsensible Menschen – das sind doch die Überempfindlichen, die aus jeder Mücke einen Elefanten machen, die ständig den Mimimimosen-Modus bemühen, alles auf die Goldwaage legen und sich doch ganz einfach ein dickeres Fell zulegen sollten, anstatt sich und anderen permanent das Leben schwer zu machen. Und überhaupt: das ist doch nur eine Modediagnose, die es gar nicht wirklich gibt...

Dies wirkt hochgradig unempathisch, doch ich habe dafür ein wenig Verständnis: das Konzept der Hochsensibilität ist wissenschaftlich leider bei weitem nicht ausreichend anerkannt und erforscht. Anders als z.B. ein Synästhet kann ein hochsensibler Mensch nicht einfach eine wissenschaftlich fundierte Erklärung zücken und diese einem Skeptiker vor die Nase halten.

 Trotzdem wünsche ich mir, dass auch der letzte Skeptiker erkennt, dass das Phänomen Hochsensibilität, welches 15-20% der Menschen betrifft, eindeutig beobachtbar und erlebbar ist und dass es angemessen wäre, sich in Neugier und Wertschätzung darauf einzulassen. Es gibt keine Ausrede dafür, sich nicht ausreichend zu informieren.

Innenperspektive: wie sieht es in MIR aus?

Sie wissen es genau: weder sind Sie eine Mimose, die nichts aushält, und ebenso wenig sind Sie permanent am Meckern über die Schwierigkeiten des Lebens. Im Gegenteil, Sie packen diese an und wuppen mehr, als Sie selbst oder andere für möglich halten.

Mit diesem Empfinden sind Sie nicht allein. In Schätzungen geht man momentan von 15-20% hochsensiblen Menschen aus. Und wo versteckt sich ihre hohe Sensibilität oder Sensitivität? Ganz einfach: in der Intensität Ihres Erlebens. Egal ob Freude oder Leid, ob Alltagsgeräusche oder sonstige Empfindungen: Sie erleben diese mit einer Intensität, die Sie ganz erfüllt und manchmal Ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Niemand kann sich so an den schönen Dingen des Lebens freuen wie Sie. Auch im Leid fühlen Sie eine Tiefe, die Sie ganz und gar erfüllt. Diese Intensität ist für Sie selbstverständlich. Für ihre Mitmenschen ist sie jedoch nicht immer nachvollziehbar, und auch Ihnen fällt es nicht immer leicht, ihre intensiven Empfindungen adäquat mitzuteilen; Sie fühlen sich oft unverstanden.

Dies wird verständlich, wenn man sich generelle Häufigkeitsprinzipien vor Augen hält. So gut wie alles lässt sich auf einer Gaußschen Glockenkurve abtragen: in der Mitte die „große Masse“, deren Mitglieder relativ viele Gemeinsamkeiten haben. Je weiter man sich in Richtung der beiden dünnauslaufenden Ränder verortet, desto dünner wird die Luft, denn umso weniger „Gleichgestrickte“ gibt es. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese wenigen Menschen sich ausgerechnet in Ihrer unmittelbaren Nähe befinden, ist rein mathematisch sehr niedrig...

Wo verorten Sie sich? 

Mit ihrem Denken? Ihrer Erlebensintensität? Mit Ihrer Geschwindigkeit beim Erschließen von Zusammenhängen? Beim Hineinfühlen in anderen Menschen? Mit Ihrem Charakter? Mit Ihren Persönlichkeitseigenschaften?

Eher in der Mitte – oder eher in den Bereichen, wo es dünner wird?Tjad?Tja, vielleicht denken Sie, dass Ihre hochsensible Veranlagung zu Problemen führt. Mich würde jedoch interessieren, welche Perspektive Ihrer Hochsensibilität einen „problematischen“ Charakter verleiht: ist es wirklich Ihre eigene – oder nicht vielmehr das, was von außen an Erwartungen und Reaktionen an Sie herangetragen wird?

Ich bin hochsensibel – welches Buch soll ich jetzt lesen?

Die beiden folgenden Bücher empfehle ich uneingeschränkt.

  • Elaine Aron: Sind Sie hochsensibel? – Der Klassiker. Elaine Aron hat den Begriff „Hochsensibilität“ (high sensitivity) eingeführt. Seit ihrem 1998 erschienenen Werk sind erstaunlich wenige wissenschaftliche Publikationen gefolgt.
  • Eliane Reichardt: Hochsensibel –Sehr gutes Überblickswerk. Auch geeignet als Einstiegslektüre oder als Geschenk an diejenigen, denen Sie das Thema näherbringen möchten.

Welche Bücher würde ich noch uneingeschränkt empfehlen? Das ist eine schwierige Frage. Ich habe versucht, mich im Dschungel der gegenwärtigen Veröffentlichungen zurechtzufinden und vieles, aber bei weitem nicht alles gelesen. Einiges – ganz ehrlich – habe ich nach wenigen Seiten wieder zur Seite gelegt.

Allein im vergangenen Jahrzehnt erlebte das Thema Hochsensibilität einen regelrechten Boom. Neben Berichten in allen möglichen Medien erschienen zahlreiche Bücher, von denen einige sichtlich aus dem Antrieb entstanden, dass die betreffenden Autoren selbst auf der Suche nach Informationen waren, keine oder nur unzureichende Antworten fanden, in der Folge ihren eigenen Lösungsweg entwickelten – und diesen dann verschriftlichten, um auch andere Menschen an diesen Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Da es nur wenig wissenschaftlich fundierte Werke gibt, ist gegen diesen Ansatz auch nichts einzuwenden, wenn er ein paar Grundregeln befolgt. Auch individuelle Erfahrungsberichte können durchaus hilfreich sein. Ihnen neue Anhaltspunkte geben, in welche Richtung Sie weiterdenken könnten. Abhängig von Ihrer jeweiligen Ausgangsfrage werden Sie in vielen dieser Werke durchaus Anregungen für Ihren eigenen Weg finden können. Beim Erkennen guter Bücher werden Ihnen die folgenden Faktoren von Nutzen sein:

  • Welche Quellen hat der Autor verwendet? Lassen Sie die Finger von allen Werken, die kein gutes (!) Quellenverzeichnis aufweisen können. Bei persönlichen Berichten, die explizit als solche gekennzeichnet werden, mag dies verständlich sein. Doch sobald „psychologische Modelle“ entworfen werden oder ein Autor einen Allgemeinheitsanspruch für seine Aussagen erhebt, ist ein fehlendes Quellenverzeichnis unverzeihlich – Finger weg!
  • Beschaffen Sie sich Informationen zur Biographie des Autors: Möchte da jemand versteckte Werbung für eigene, bezahlpflichtige Angebote an den Leser schmuggeln?
  • Beschreibt der Autor eigene Erfahrungen, oder handelt es sich um eine sachliche, unabhängige Darstellung? Aber Vorsicht mit der Verallgemeinerung von persönlichen Erfahrungen zu allgemeingültigen Wahrheiten. Bleiben Sie beim Lesen kritisch. Fragen Sie bei Bedarf ruhig bei mir nach, ich helfe gerne beim Einordnen von Aussagen.
  • Geht der Autor in angemessener Weise in die Tiefe? Oder borht er zu tief bzw.  bleibt die Beschreibung zu oberflächlich? 
  • Wie neutral positioniert sich der Autor? Geht er mit einer vorgefassten Meinung an sein Thema ran, oder bezieht er verschiedene Blickwinkel mit ein? 
  • Wie versteht der Autor Hochsensibilität grundsätzlich? Als Problem, dem man eine Lösung bescheren muss – oder als Persönlichkeitsmerkmal, das vielleicht besser erklärt und verortet werden möchte?