Synästhesie

Alle Menschen kennen aus eigener Erfahrung die klassischen fünf Sinne: Sehen, Riechen, Schmecken, Hören, Berühren. Wir alle kennen unseren Körper und seine Empfindungen: Jucken, wohlige Entspannung, Schmerz, Temperaturempfinden, und wir alle haben Gefühle, Freude, Wut, Hoffnung, Ärger, Wut, Glück, oder wir grübeln und zerbrechen uns den Kopf und treffen Entscheidungen.

Bei Synästheten kommen zu diesen Erfahrungen weitere, parallele Wahrnehmungen dazu. Z.B. wird die uns allen gemeinsame Kernwahrnehmung (Essig schmeckt sauer, der Himmel ist blau, es ist kalt usw.) durch eine weitere, sehr individuelle, unerwartete Wahrnehmung begleitet, für die es keinen logischen äußeren Auslöser zu geben scheint: zum Beispiel sieht saurer Geschmack violett aus, Blau hat eine holzartige Textur, und Frieren schmeckt nach Erdnüssen. 

Für Synästheten ist dies ganz normal, denn: so wurden wir geboren, unsere Synästhesie ist ein wertvoller Teil unserer Persönlichkeit und unseres Weltempfindens. 


Beispiele für synästhetische Verknüpfungen

Es gibt mindestens 70 dokumentierte Synästhesiearten, wahrscheinlich sind es noch mehr. Kein Synästhet hat nur eine einzige Art. Die folgenden Beispiele stellen eine kleine, nicht repräsentative Auswahl dar.

  • Buchstaben und Zahlen können Farben haben, z.B. kann ein A rot sein, eine 8 nachtblau. Sie können auch menschliche Charaktereigenschaften annehmen, die 5 kann zickig sein, die 2 ist die große Schwester der 4, während 7 und 9 sich überhaupt nicht vertragen, und die ruhige mütterliche 8 beruhigt die Gemüter...  
  • Ihr Kalender, Ihr Zeitempfinden können sich als Form zeigen. Das Jahr kann eine Ellipse oder ein Kreis sein, mit dem Januar am oberen Scheitelpunkt, es kann wie ein Band vorbeiwabern... alle Zeiteinheiten können sich wie auf einer Landkarte anordnen. Ich könnte Ihnen zeigen, wo genau sich aus meiner Perspektive das Jahr 1924 befindet.
  • Der klang einer Oboe kann nach Orangenaroma riechen.
  • Rückenschmerzen sehen hellgelb aus, wenn Sie nur verspannt sind, doch wenn eine Entzündung vorliegt, die einen Arztbesuch erfordert, dann sind sie hellbläulich.

Als Synästhet erleben Sie diese zusätzlichen Wahrnehmungen höchst bewusst. Sie haben sie sich nicht ausgesucht, und Sie können Ihre Synästhesien weder künstlich auslösen noch ausschalten.

Wie häufig ist Synästhesie?

Synästhesie ist als Phänomen immer noch erstaunlich unbekannt, doch sie ist gar nicht so selten: ca. 4% der Weltbevölkerung sind Synästheten. Allein für den Großraum München würde das bedeuten, dass es ungefähr 75.000 Synästheten geben müsste. Es bedeutet auch, dass rein statistisch in jeder Schulklasse ein Synästhet vertreten sein müsste. In anderen Worten: es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie mindestens einen Synästheten kennen.

Ist Synästhesie etwas Gesundes?

Ja. Synästhesie ist eine wunderbare, neurobiologische Spielart der Natur, die KEINEN Krankheitswert hat. Deswegen ist Synästhesie aber leider kein Bestandteil der Ausbildungsinhalte von Ärzten, Psychologen, Psychiatern, Lehrern, Erziehern. Für Eltern ist es auch nicht immer einfach, über die Synästhesien ihres Kindes alles herauszufinden, was sie brauchen. 

Synästhesie bedarf keiner Behandlung. Das einzige, was nötig ist, ist Offenheit und Neugierde. Sollten Sie auf einen Synästheten treffen, dann fragen Sie ihr oder ihm Löcher in den Bauch, und lassen Sie sich von der Faszination dieser reichhaltigen Erfahrungswelt anstecken.

Es ist mir ein Herzensanliegen, über Synästhesie aufzuklären, solange es noch Menschen gibt, die Synästhesie als Humbug oder als etwas Krankes oder gar Gefährliches einstufen.

Kann Synästhesie zu Problemen führen?

In den allermeisten Fällen ist die Antwort ein klares Nein. Der Großteil aller Synästheten genießt seine Synästhesien und hat Freude daran. Ausnahmen gibt es bei ganz wenigen, nicht so angenehmen Synästhesiearten wie zum Beispiel gespiegelter Schmerz (Mirror-Pain). Hier kann es angesagt sein, die Wahrnehmung aktiv in den eigenen Alltag als Werkzeug einzubauen, um sie wenigstens nützlich zu machen, wenn sie schon nicth angenehm ist. Auch das äußere Umfeld spielt eine Rolle; manchmal ist nicht die Synästhesie das Problem, sondern die Reaktion der Mitmenschen.

Muss Synästhesie behandelt werden?

Auch hier, in den allermeisten Fällen ist die Antwort ein klares Nein. Ärztliche, psychologische oder psychiatrische Behandlung ist definitv nicht nötig, denn Synästhesie ist weder eine Krankheit noch eine Störung. Beratung kann dagegn sehr nützlich sein, wenn die eigene Synästhesie zu einer Belastung wird, oder wenn das Umfeld ablehnend reagiert, auch in Unterstützung anderweitiger Therapien.

Wie geht es Ihnen mit Ihrer Synästhesie?

Wie ist es bei Ihnen? Was kommt Ihnen bekannt vor? Sind Sie schon einmal auf Unverständnis gestoßen? Hat man Ihnen geraten, Ihre feinen "Antennen" abzuschalten? 

Wo kann man sich über Synästhesie informieren?

Ich veranstalte regelmäßig Online-Treffen zu freiem Austausch, halte Vorträge und schreibe Bücher. Auf Facebook können Sie mich in fachlich ausgerichteten und sorgfältig moderierten Gruppen antreffen, wo ich mein Wissen gerne teile. Fragen Sie mich gerne nach Details.

Auf der Seite der Deutschen Synästhesie-Gesellschaft finden Sie weitreichende Informationen, einen Fragebogen zum Abtesten Ihrer Synästhesie(n) und Hinweise auf Forschungsergebnisse.